Geschichte von Rössing

Rössing ist ein Dorf in der Gemeinde Nordstemmen im niedersächsischen Landkreis Hildesheim. Mit etwa 1.650 Einwohnern ist es die zweitgrößte der zehn Ortschaften, die zur Gemeinde Nordstemmen gehören. Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück – bis in die Jungsteinzeit.

Steinzeitliche Besiedlung (ca. 4500 v. Chr.)

Lange bevor Rössing als Ort urkundlich erwähnt wurde, war die Gegend bereits besiedelt. In den 1980er Jahren wurde bei Ausgrabungen in einem Kiesabbaugebiet in Ortsnähe eine bandkeramische Siedlung freigelegt. Die Untersuchungen durch das Institut für Denkmalpflege Hannover (1981, 1984 und 1985) erstreckten sich über eine Fläche von 25.000 m².

Was wurde gefunden?

Die Ausgrabungen brachten beeindruckende Erkenntnisse über das Leben der ersten Bauern in Mitteleuropa:

  • 40 Pfostenhäuser wurden anhand von 800 Pfostengruben dokumentiert
  • Die Langhäuser waren zwischen 8 und 40 Meter lang und 6-7 Meter breit
  • Keramikgefäße mit den typischen Bandverzierungen der Kultur
  • Eine Tierkopfdarstellung als Henkelornament
  • Spinnwirtel, die auf Textilproduktion hinweisen
  • Fast 600 Mahlsteinfragmente, die auf intensiven Getreideanbau schließen lassen
  • Steinbeile und Feuersteingeräte

Die Siedlung lag strategisch günstig auf einer erhöhten, hochwasserfreien Stelle an der Niederterrasse der Leine – an der nördlichen Grenze der bandkeramischen Kultur in Niedersachsen.

Erste urkundliche Erwähnung (822-877)

Die erste urkundliche Erwähnung von Rössing erfolgte zwischen 822 und 877 als „Hrotthingun” oder „Rotthingun” in den Schenkungsregistern des Klosters Corvey. Im Jahr 2000 feierte der Ort das Jubiläum „1150 Jahre Rössing”.

Das Adelsgeschlecht von Rössing (seit 1132)

Rössing ist nicht nur der Name des Ortes, sondern auch eines uradeligen Geschlechts aus dem südlichen Niedersachsen. Die Familie ging aus der Ministerialität des Hochstifts Hildesheim hervor und erscheint erstmals 1132 auf ihrem Stammsitz in Rössing.

Wichtige Daten der Familie

  • 1132: Erster bezeugter Familienangehöriger Ernestus de Rotthige wird urkundlich erwähnt
  • 1175-1182: Thidericus de Rothinge (Dietrich von Rössing) beginnt die Stammreihe
  • 1398: Die Rössings werden Erbmarschälle des Bistums Halberstadt
  • 1506: Ernennung zu Erbküchenmeistern des Fürstentums Calenberg
  • Bis heute: Die Familie von Rössing bewohnt weiterhin das Schloss Rössing

Mittelalterliche Geschichte

Die Geschichte Rössings war geprägt von seiner Lage am westlichen Rand des Bistums Hildesheim. An der Grenze an der Leine saßen die welfischen Herzöge auf der Feste Calenberg und versuchten ständig, ihren Machtbereich nach Osten auszudehnen.

Zerstörungen und Konflikte

  • 1133/34: Die Burg Rössing wird erstmals erwähnt – anlässlich ihrer Zerstörung durch den Hildesheimer Bischof
  • 1431: Herzog Wilhelm der Ältere lässt die Burg mit der Auflage schleifen, sie nie wieder aufzubauen
  • 1486: Söldner der Stadt Hildesheim brennen das Dorf nieder
  • 1519-1523: In der Hildesheimer Stiftsfehde wird der als Burghof bezeichnete Sitz erneut zerstört

Nach der Zerschlagung des Großen Stifts fiel Rössing an Calenberg, wo es auch nach der Restitution 1643 verblieb.

Die Reformation (1543)

Elisabeth von Calenberg, Witwe von Herzog Erich I. von Calenberg, führte während der Minderjährigkeit ihres Sohnes Erich II. im Jahr 1543 die Reformation in Rössing ein. Sie hatte bereits ab 1538 begonnen, den neuen Glauben in der Region einzuführen, und erließ 1542 eine Kirchenordnung.

Der erste lutherische Pastor, Tile Becker, wird in Visitationsberichten von 1543 erwähnt. Rössing wurde nie rekatholisiert – die Mitglieder der Familie von Rössing sind seit 1543 evangelisch.

Das Wasserschloss Rössing (1579-1589)

Nachdem die Familie von Rössing nach den Zerstörungen ihren Hauptwohnsitz auf andere Besitzungen verlegt hatte, begann Ludolph von Rössing 1579 mit dem Bau des heutigen Wasserschlosses. Anlass war seine Heirat mit Anna von Stöckheim.

Architektur

Das Schloss ist ein zweiflügeliger Fachwerkbau mit Stilmerkmalen der Weserrenaissance:

  • Doppelgeschossiges Fachwerkgebäude auf einer Insel im Park
  • Umgeben von einem breiten Wassergraben
  • Verziert mit profilierten Knaggen, Fächer- und Rosettenmotiven
  • Ein runder Eckturm mit Wendeltreppe und welscher Haube
  • Der Eingang trägt die Wappen der Erbauer und die Jahreszahl 1589

Spätere Erweiterungen

  • Um 1830: Anbau eines Herrenhauses
  • 1909: Neugotische Fassade und Turm hinzugefügt

Das denkmalgeschützte Schloss wird bis heute von der Familie von Rössing bewohnt – seit fast 1000 Jahren am selben Ort ansässig.

Die Peter-und-Paul-Kirche

Die evangelisch-lutherische Peter-und-Paul-Kirche hat eine lange Geschichte:

  • 1282-1297: Vermutlich Bau der ersten Kirche (laut Wappenstein am Turm)
  • 1298: Offizielle Errichtung dokumentiert
  • 1755: Umbau zur heutigen Saalkirche mit Erweiterung
  • 1970: Innenrenovierung
  • 1999: Vereinigung mit der Kirchengemeinde Barnten

Der erste namentlich bekannte Geistliche der Gemeinde war Conradus de Rothinge, urkundlich erwähnt im Jahr 1260.

Eingemeindung (1974)

Im Zuge der Gebietsreform in Niedersachsen am 1. März 1974 wurde die zuvor selbständige Gemeinde Rössing in die Gemeinde Nordstemmen eingegliedert.

Bevölkerungsentwicklung

Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte durch die Aufnahme vieler Heimatvertriebener eine Verdoppelung der Einwohnerzahl. Heute leben etwa 1.650 Menschen in Rössing.


Quellen: